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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

MS am Äquator

Christiane Fischer, Blickpunkt-Ausgabe 01/2025

MS wird in den Ländern in Äquatornähe seltener diagnostiziert als in nördlichen oder südlichen Breiten. Doch was ist der Grund? Unterdiagnosen in armen Ländern, Überdiagnosen in reichen Ländern oder eine Kombination genetischer und umweltbedingter Faktoren?

Die Vitamin-D-Hypothese

In äquatornahen Regionen gibt es reichlich Sonnenlicht, was zu einer höheren körpereigenen Vitamin-D-Produktion führt. Die Theorie ist, dass ein Vitamin-D-Mangel das Risiko für die Entwicklung von MS erhöht. Vitamin D gilt als immunmodulatorisch und spielt eine entscheidende Rolle in der Regulation des Immunsystems. Es unterstützt die Bildung und Aktivität von Immunzellen, die bei der Bekämpfung von Infektionen helfen und dabei das Risiko von Autoimmunreaktionen wie MS verringern. Ein Vitamin-D-Mangel korreliert mit einem erhöhten MS-Risiko, was die höheren Prävalenzraten in sonnenärmeren Gebieten erklären könnte. Einer Studie der Harvard Medical School aus dem Jahr 2017 zufolge haben Menschen mit hohen Vitamin-D-Spiegeln in jungen Jahren ein um etwa 60 % geringeres MS-Risiko und umgekehrt niedrigere Vitamin-D-Spiegel, die mit einer stärkeren MS-Symptomatik und einer erhöhten Krankheitsprogression einhergehen. Daher schlagen einige Forschende die Vitamin-D-Supplementierung als Präventionsmaßnahme vor.

Die Breitengrad-Hypothese

Die MS-Rate ist in sonnenarmen nördlichen und südlichen Breiten höher, während sie in äquatornahen Regionen, in denen Menschen mehr Sonnenlicht ausgesetzt sind und dadurch mehr Vitamin D produzieren, geringer ist. Dieser geografische Zusammenhang unterstützt die Vitamin-D-Hypothese, da Sonnenlicht die wichtigste natürliche Quelle für Vitamin D ist. Dagegen spricht allerdings, dass MS in Australien häufiger vorkommt, obwohl Australien näher am Äquator als Deutschland gelegen ist: Australien ist nur etwa 3.000 km südlich des Äquators gelegen – der nördlichste Punkt liegt direkt am Äquator auf der Insel Kabare, im Süden erstreckt sich der Kontinent bis zum Südostkap auf Tasmanien. Deutschland ist dagegen doppelt so weit, nämlich 6.000 km, vom Äquator entfernt.

Auch die Genetik spielt eine Rolle

Einige genetische Varianten erhöhen das Risiko für eine MS-Entstehung, da sie Vitamin D weniger effektiv nutzen. Im Rahmen einer im Jahr 2011 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten länderübergreifenden Studie der Charité Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) wurden 29 neue genetische Varianten entdeckt, die an der Entstehung von MS beteiligt sind. Demnach tritt MS häufiger bei Menschen mit europäischer Abstammung auf, was ebenfalls auf eine genetische Komponente hindeutet. Dies trifft auch auf Australien zu.

Die Hygiene-Hypothese

In den meisten armen tropischen und subtropischen Regionen gibt es mehr Infektionskrankheiten, die das Immunsystem beeinflussen, als in Regionen mit gemäßigtem Klima. Eine frühere und höhere Exposition gegenüber Infektionen könnte das Immunsystem möglicherweise „trainieren“, um Autoimmunerkrankungen wie MS zu verhindern – besagt die sogenannte Hygiene-Hypothese.

EBV

Das Epstein-Barr-Virus (EBV) wird als „Trigger“ für MS vermutet. Eine Infektion mit EBV könnte laut dieser These das Risiko, an MS zu erkranken, erheblich erhöhen. So wurde aufgezeigt, dass fast alle Menschen mit MS eine frühere EBV-Infektion durchgemacht haben. Personen, die EBV-negativ sind (also nie infiziert wurden), haben ein deutlich niedrigeres Risiko für MS. Eine späte EBV-Infektion (z. B. in der Jugend oder im Erwachsenenalter) scheint das MS-Risiko weiter zu erhöhen. EBV hat die Fähigkeit, in B-Zellen zu überleben und diese zu aktivieren. Dies könnte das Immunsystem in eine Überaktivität versetzen und eine fehlerhafte Immunantwort fördern, die auch körpereigenes Myelin der Nervenzellen angreift. Dieser Prozess könnte die für die MS typische Autoimmunreaktion auslösen oder verstärken. Eine über 20 Jahre angelegte Studie von Bjornevik und Kolleg*innen, die 2022 in der Zeitschrift Science erschien, zeigte, dass eine EBV-Infektion das Risiko für MS um mehr als das 30-fache erhöht.

Ob die Erkenntnis, dass EBV eine Rolle bei der Entstehung von MS spielen könnte, neue Möglichkeiten für therapeutische Ansätze eröffnet, bleibt offen. Aktuell werden antivirale Therapien und Impfstoffe gegen EBV entwickelt – hier besteht zumindest die Hoffnung, dass sie das Risiko oder die Schwere von MS verringern könnten.

Unterdiagnose und schwache Gesundheitsinfrastruktur in armen Ländern

Die Rolle der Diagnose und Gesundheitsinfrastruktur bei MS beruht auf dem Zugang zu medizinischen Ressourcen und Technologien. In Ländern mit begrenzten Gesundheitsressourcen (oftmals auch Länder in Äquatornähe) gibt es oft auch einen Mangel an Neurolog*innen und anderen Fachleuten, die auf die Diagnose und Behandlung von MS spezialisiert sind. Die MS-Diagnose stützt sich stark auf bildgebende Verfahren wie MRTs, doch diese sind, wenn überhaupt, nur in großen Städten in Universitäten und für Reiche im Privatsektor verfügbar. In ländlichen Regionen fehlt es meist an diesen Geräten, was die Diagnosestellung erschwert oder zumindest verzögert. Selbst wenn MRTs und andere bildgebenden Verfahren verfügbar sind, stellen die hohen Kosten oft eine enorme Barriere für den Zugang dar. Da meist keine Krankenversicherungen für die Armen existieren, können sich die meisten Menschen in einkommensschwachen Regionen diese Untersuchungen per se auch gar nicht leisten.

Dazu kommt, dass das Wissen über MS in diesen Ländern weniger verbreitet ist, sowohl bei der allgemeinen Bevölkerung als auch bei Mediziner*innen. Schwache Symptome von MS werden deshalb als andere, häufiger vorkommende Erkrankungen fehlinterpretiert oder übersehen, MS ist daher, so die Hypothese, dort oft unterdiagnostiziert.

Überdiagnose in reichen Ländern

Eine andere Hypothese sieht einen Zusammenhang zwischen der mit dem Breitengrad zunehmenden Häufigkeit der MS und den dortigen nationalen Gesundheitsausgaben. MS-Medikamente sind hier extrem teuer, da sie oft mit ungerechtfertigten Patenten versehen sind. Die dadurch entstehenden Mondpreise könnten zu einer Überdiagnose in reichen Ländern führen.

Regionale Unterschiede – warum?

Die Frage, ob es zu einer Unterdiagnose in Länder des Südens oder zu einer Überdiagnose in Ländern des Nordens kommt, bleibt hypothetisch. Fakt ist, dass es regionale Unterschiede in der MS-Verbreitung gibt. So könnten auch alle Faktoren zusammenspielen und die geringere MS-Rate in äquatornahen Ländern beeinflussen (siehe auch Abbildung 1).

Fazit

Mit dem Breitengrad wächst auch der Wohlstand. Wie die Hygiene-Hypothese es postuliert, könnte eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Erregern in späteren Lebensjahren in einkommensstarken Ländern das Risiko für MS erhöhen. Dazu passt die Vermutung, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus später im Leben das MS-Risiko deutlich erhöht, was in reicheren Ländern häufig der Fall ist.
Weiter vom Äquator entfernte Länder haben mehr Ressourcen und können folglich mehr in das Gesundheitssystem und in die entsprechenden Technologien investieren.

Ob genetische und ethnische Faktoren eine Rolle bei der MS-Entstehung spielen könnten, ist nach wie vor unklar. Dagegen spricht, dass die MS-Prävalenz bei Afroamerikaner*innen in den USA genauso hoch oder sogar höher ist als bei Weißen. Ähnliches zeigen Daten aus Südafrika. Mit dem Ende der Apartheid und dem besseren Zugang zu gesundheitlicher Versorgung ist die MS-Prävalenz unter Schwarzen in Südafrika deutlich angestiegen.

 

Quellen