
Armutsrisiko Krankheit - Was muss sich ändern?
Red., Blickpunkt-Ausgabe 01/2025
Eine chronische Erkrankung kann Betroffene und ihre Angehörigen regelrecht aus der Bahn werfen. Neben sozialen Auswirkungen haben einschränkende Symptome vor allem auch Folgen für die ökonomische Stabilität: Wiederkehrende Arbeitsausfälle, eine geringere Belastbarkeit bis hin zur Berufsunfähigkeit und der Bezug einer frühen und deshalb kleinen Rente können nicht selten massive finanzielle Sorgen bis hin zur drohenden Armut bedeuten, die durch den schwierigen Zugang zu unterstützenden Leistungen für viele nicht selten auch zur Realität wird.
Ausgangslage
Armut und Gesundheit spielen international als auch national eine zentrale Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Wahrung der Menschenwürde, für Selbstbestimmung und Teilhabe. Während Armut bei der Entstehung chronischer Krankheiten bereits als anerkannter Risikofaktor gilt, wird die Umkehrung, also die Verarmung durch eine chronische Krankheit, deutlich seltener diskutiert.
Die Diagnose einer chronischen Erkrankung kommt zumeist unerwartet und bedeutet unmittelbaren Stress; Sorgen über die Zukunft machen sich breit, Gedanken zu einer möglichen Umorientierung kommen auf und nach und nach stellen sich auch sozialrechtliche Fragen. Tatsächlich entstehen, je nach Verlauf, relativ zügig auch hartnäckige Mehrkosten (wie etwa Zuzahlungen zu notwendigen Medikamenten und Hilfsmitteln, Klinikaufenthalten oder Fahrtkosten bis hin zu Kosten für eine mögliche Ernährungsumstellung oder die Wahl einer nicht von den Kassen finanzierten Therapie), die den bisherigen Lebensstandard eingrenzen. Die soziale Sicherung im Krankheitsfall hängt überwiegend vom vorherigen Einkommen ab und reicht bei einem niedrigen Ausgangsgehalt oft nicht aus. Die individuelle gesundheitliche Situation und die im bisherigen Berufsleben erarbeiteten Ansprüche bestimmen, wie es dann auch finanziell (Krankengeld, Arbeitslosengeld oder Erwerbsminderungsrente) weitergehen kann.
Was steht zur Verfügung?
Im Krankheitsfall zahlen Arbeitgeber*innen noch sechs Wochen lang das volle Gehalt, es folgen maximal 78 Wochen lang Krankengeld (70 % des Bruttoeinkommens), Arbeitslosengeld inklusive Nahtlosigkeitsregelung und schließlich die Erwerbsminderungsrente, die weniger als die Hälfte des ursprünglichen Einkommens beträgt. Dazu kann ergänzend noch die Grundsicherung kommen. Besonders einkommensschwache Menschen (und dazu zählen insbesondere junge Selbständige, Teilzeitarbeitende, Alleinstehende und Alleinerziehende, und hier besonders die Frauen) können diese Verluste oft nicht ausgleichen.
Schwieriger Zugang zu unzureichenden Leistungen
Ein großes Problem ist dabei auch, dass Leistungen und Hilfen weder automatisch zur Verfügung stehen noch ausreichend sind, um durch die Krankheit neu entstandene Bedarfe (durch sogenannte Nachteilsausgleiche) zu decken. Auch wenn ein eindeutiger Anspruch besteht, müssen innerhalb zeitlich enger Fristen immer wieder Anträge gestellt, Formulare ausgefüllt, Unterlagen und Belege beigebracht und muss vor allem hartnäckig nachverfolgt werden, was davon tatsächlich umgesetzt wird. Die notwendige Energie, um im Bürokratiedschungel sicher zu navigieren, bringt nicht jede*r auf. Scham, Angst, Wut, Fassungs- und Hilfslosigkeit können deshalb nicht selten auch zu Fehlentscheidungen führen, etwa, die voreilige Kündigung des Jobs oder das verfrühte Stellen eines Rentenantrags, obwohl eine Reha- oder Umschulungsmaßnahme vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre.
Entsprechend empfiehlt etwa der VdK, durch die Inanspruchnahme von Reha-Maßnahmen oder Umschulungen so lange wie möglich im Erwerbsleben zu bleiben, um nicht zu früh und damit dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. Dazu ist vor allem jungen Betroffenen in jedem Fall auch immer zu einer privaten Zusatzversicherung (auch Anlagen oder EU-weite Altersvorsorgeprodukte) zu raten, durch die sich auch mit geringen Einsätzen schon gute Renditen erzielen lassen.
Einer aktuellen Studie der Universität Duisburg-Essen zeigt, dass jeder Fünfte der zwischen 1940 und 1947 Geborenen nach wenigstens 30 Versicherungsjahren – die auch beitragsfreie oder beitragsgeminderte Zeiten enthalten können – eine Rente bekommt, die nicht wenigstens 10 % über dem Existenzminimum liegt.
Eine anfänglich scheinbar ausreichende unbefristete volle Erwerbsminderungsrente nach etwa 20 Jahren Vollzeitbeschäftigung in Verbindung mit den aktuell gewährten Leistungen der Pflegeversicherung geht nach den Erfahrungen einiger unserer Mitglieder aber nun auch nicht mehr zusammen mit den exponentiell steigenden Kosten, die für Betroffene im Gesundheits- und Pflegebereich – zusätzlich zu den steigenden Lebenshaltungskosten – regelmäßig anfallen.
Dazu passt, dass der European Human Rights Report Armut und soziale Ausgrenzung schon im Jahr 2020 dargelegt hat, wie sich die Situation für Menschen mit Beeinträchtigungen vor allem in Deutschland in den letzten Jahren beständig zugespitzt hat: Sie sind nicht nur ärmer, sondern auch mit zusätzlichen Kosten für das Leben in einer Gesellschaft konfrontiert, die nicht an sie angepasst ist.
Was würde helfen?
Hier helfen tatsächlich nur umfassende Umstrukturierungen. Die neue Bundesregierung ist gut beraten, die aktuelle Unterversorgung in der gesetzlichen Renten- und Pflegeversicherung nachhaltig auszugleichen und die Angebote armutsfest zu machen, etwa, in dem alle in dieselben Systeme einzahlen. Eine Bürgerversicherung bzw. eine solidarische Pflegevollversicherung wären Möglichkeiten, die bereits seit Jahren diskutiert werden. Am Beispiel anderer Länder in Europa ließe sich auch gut ablesen, was so ein Schritt bringen würde. So hat etwa der österreichische Durchschnittsrentner eine um rund 800 Euro höhere Rente als das deutsche Äquivalent. In den Niederlanden ist es durch das sogenannte Drei-Säulen-Modell sogar möglich, das Niveau auf 80 % des letzten Einkommens zu halten.
Auch der Zugang zu Sozialberatungen muss dringend verbessert und die Kommunikation zwischen den einzelnen Leistungsträgern so koordiniert werden, dass sich bereits durch Krankheit eingeschränkte und damit benachteiligte Betroffene nicht immer noch mühsam dazwischenschalten müssen. Die Möglichkeit, sich in Wohnortnähe umfassend über die vorhandenen Leistungen und Angebote zu informieren, setzt natürlich auch voraus, dass angebotene Rehabilitations- und Umschulungsmaßnahmen auch flächendeckend zugänglich sind und im Anschluss eine adäquate Beschäftigung zur Verfügung steht. Beides ist aktuell noch nicht selbstverständlich.
Anlaufstellen/Infoportale
Stiftung Unabhängige Patientenberatung Deutschland (Stiftung UPD): umfassende Informationen und individuelle kostenfreie Beratung in gesundheitlichen und gesundheitsrechtlichen Fragen, www.patientenberatung.de
örtliche Pflegestützpunkte: Leistungen der Pflegeversicherungen, www.zqp.de/beratungpflege
örtliche Integrationsämter: (Wieder-)Eingliederung in den Beruf, www.bih.de/integrationsaemter/kontakt
Verbraucherzentrale: Beratung zur privaten Altersvorsorge, nachhaltige Finanzplanung, Pflege sowie Schuldnerberatung, www.verbraucherzentrale.de/beratung
VdK: www.vdk.de
Sozialverband Deutschland: www.sovd.de
Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe: www.bag-selbsthilfe.de
Caritas Frankfurt/Hertie-Stiftung: Einzelfallhilfe/Unterstützung für Multiple-Sklerose-Betroffene, www.caritas-frankfurt.de/ich-suche-hilfe/wege-finden/geringes-einkommen/projekt-multiple-sklerose-betroffene/projekt-multiple-sklerose-betroffeneG
Quellen
Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Fragen und Antworten zu chronischen Krankheiten, abrufbar im Internet unter www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-diskriminierung/was-ist-diskriminierung/_docs/faq-uebersicht/_functions/faq_chronische_krankheiten.html.
Becker, S. 14.12.2022. Armutsrisiko Krankheit: Chronisch krank und arm?, abrufbar im Internet unter www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/armutsrisiko-krankheit-chronisch-krank-und-arm-911133.html.
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V. 2024. Armut in der Inflation, abrufbar im Internet unter www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Armutsbericht/doc/Paritaetischer_Armutsbericht_2024.pdf.
Hans-Böckler-Stiftung 2024. Soziale Ungleichheit in Deutschland, abrufbar im Internet unter www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-20845.htm.
Sozialverband Deutschland 2016. Lieber nicht arm dran. Bekämpfung von Altersarmut, abrufbar im Internet unter www.sovd.de/fileadmin/bundesverband/pdf/broschueren/rente/WEB_Bekaempfung-von-Altersarmut.pdf.
Süddeutsche Zeitung 5.4.2023. Rente in europäischen Ländern: Lob für Den Haag, Tränen in Rom, abrufbar im Internet unter www.sueddeutsche.de/politik/rente-europa-sichern-1.5782424.