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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Der Wolkenwächter II

Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt-Ausgabe 01/2025

Nur wenige stiegen wie er so hoch auf den Berg. Massive Felsbrocken machten den Weg nun auch immer anspruchsvoller, ein Pfad war kaum mehr erkennbar.

Durch die dichte Wolkendecke konnte er die Richtung zunehmend nur noch erahnen. Zu seiner Rechten fiel der Berg steil ab, zu seiner Linken erhob sich eine Felswand, deren Ende er nicht ausmachen konnte. Die Luft war kühl und sein Gewand feucht geworden. Er beschloss, sich zu beeilen.

Der Weg führte ihn zu einem Plateau, wo sich die Wolkenwand plötzlich öffnete und durch das Sonnenlicht so hell und intensiv zu leuchten begann, dass er kaum hinschauen konnte. Ihm war, als ginge er durch einen endlos weißen Raum, in dem nur er existierte. Abgesehen von seinen regelmäßigen Schritten und seinen Atemzügen war es still geworden.

An einem umgestürzten Baum machte er halt, zog seine Schuhe aus und rieb sich die schmerzenden Füße. Er war stetig bergauf gegangen und hatte dabei jegliches Zeitgefühl verloren. Der Rückweg, so dachte er sich jetzt, würde sehr viel länger dauern als das, was noch vor ihm lag, und so entschied er sich, weiterzugehen. Dort, so hatte er gehört, sollte es auch eine einfache Behausung geben, in der vor einiger Zeit ein Einsiedler gelebt hatte.

Es war nun fast dunkel, und vor ihm lag – soweit er das durch den wieder dichter gewordenen Wolkendunst noch erkennen konnte – eine grasbewachsene Ebene. Weiter sollte es für ihn auch nicht mehr gehen. Er stand jetzt eingeschlossen in einer Art luftleerem Raum, der ihn seiner Orientierung beraubte und ein flaues Gefühl in ihm hervorrief. Nun setzte auch noch ein leichter, schneidend kalter Ostwind ein, und er tastete sich mit ausgestreckten Armen nach vorne, um Schutz zu finden.

An einem großen Stein, der an einem Baum lehnte, fand er schließlich eine Art Höhle, die den beißenden Wind von ihm fernhielt – erleichtert kroch er hinein und stellte fest, dass es sich um die ehemalige Behausung des Einsiedlers handeln musste, nach der er gesucht hatte. Auch jetzt noch war die Wolke bei ihm – nur war es nun der Mond, der ihr zum Strahlen verhalf. So schlief er ein.

Die Sonne war bereits aufgegangen, als er erwachte, und die Wolke ins Tal gewandert. Um ihn herum konnte er nun immer neue Berggipfel ausmachen, die aus einem zähen, weißen Wolkenmeer herauszuwachsen schienen. Die Aussicht war überwältigend – so schön und einzigartig, dass ihn ein tiefes Gefühl des Friedens und der Ehrfurcht überkam. Er schloss die Augen und kam zur Ruhe.

Gleich einem Strom flossen die Wolken umher und gaben bald den Blick auf das frei, was sie verborgen hatten: Täler mitsamt dessen, was die Menschen aus ihnen gemacht hatten, den Brücken, Staudämmen, Terrassen und Städten, die, von hier oben betrachtet, winzig und unbedeutend schienen. War es nicht sinnlos, wie rastlos die Menschen umherirrten, immer bemüht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen? Manche verbrachten gar ihr ganzes Leben damit, nach Erfolg zu streben, während andere auf der Suche nach dem richtigen Glauben waren.

Deshalb war er hierhergekommen – um wieder Klarheit zu gewinnen; nicht über die Welt, die er ohnehin nicht ändern konnte, sondern über sich selbst.

Ihm fielen die vielen Missverständnisse wieder ein, die es in der Vergangenheit gegeben hatte, und die scharfen Worte der anderen, die ihn sehr verletzt hatten. Der Kummer, der ihn angesichts der törichten Handlungen anderer überkam und die Verwirrung, die diese gestiftet hatten. Die grenzenlose Enttäuschung, die ihre voreiligen Urteile und Rollenzuweisungen in ihm entfacht hatten. Er verabscheute geradezu die Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit, mit der die Behörden ihre Macht und Kontrolle ausübten. Bitter hatte er am eigenen Leib erfahren müssen, wie betrügerisch Menschen doch sein konnten.

Klar wurde ihm aber nun auch, wie oft er solche Ereignisse geradezu provoziert hatte. Es waren die extremen Gegensätze, die ihn müde machten – Barmherzigkeit und Schuld, Aufrichtigkeit und Bestechlichkeit, Inspiration und Verzweiflung – und in ihm um die Vorherrschaft kämpften.

So, wie er die Arglistigkeit der Menschen am eigenen Leib erfahren musste, so hatte er auch verstanden, dass die Natur Arglist weder vermitteln noch tolerieren konnte.

Mit der Abenddämmerung kehrten auch die Wolken zurück und verdeckten wieder die Sicht auf die Welt, die unter ihnen lag. In dieser Abgeschiedenheit fühlte er sich sehr allein, und er ging wieder zurück in die kleine Höhle. Strapazen und Entbehrungen konnte er ertragen, das wusste er jetzt, aber vor der Einsamkeit hatte er große Angst.

Der Mond ging auf, die Wolkenströme erstrahlten erneut in seinem Licht und die Sterne breiteten sich über den Nachthimmel aus. Bei diesem Anblick wurde ihm klar, wie klein der Berg, das Tal und alles, was er kannte, wie klein und unbedeutend sein Leben, er selbst war. Er würde das Alleinsein akzeptieren. Was konnte es ihm jetzt noch anhaben?

Bei seiner Höhle fand er trockene Äste, einen Feuerstein und etwas Stroh. Das kleine Feuer, das er damit entfachte, wärmte ihn, als er davorsaß und an nichts dachte. Er schaute auf und bemerkte in der Ferne über dem schimmernden Wolkenmeer unzählige weitere Feuer, die auf den anderen Berggipfeln in die Nacht leuchteten.