Förderung der neurologischen Anpassungsfähigkeit
Tom Foell, Blickpunkt-Ausgabe 01/2025
Interview mit dem neuen Leiter des ersten Zentrums für klinische Neuroplastizität in Deutschland, Prof. Dr. med. Peter Young.
Nach meinem Interview zum Thema Neuroplastizität bei MS mit einem der Wegbereiter im deutschsprachigen Raum, Prof. Peter Rieckmann vom Medical Park Loipl (ab hier auch MPL), im BP 3/22 hat es etwas gedauert, bis ich die Theorie auch endlich in der Praxis selbst testen konnte. Mit dem üblichen Vorlauf für Reha-Anträge kam ich dann im April 2024 zum Start meiner vierwöchigen Reha im MPL an, gerade an dem Tag, an dem Prof. Rieckmann wohl seinen letzten Arbeitstag in der Klinik hatte. Leider gab es deshalb auch keine Gelegenheit mehr für ein Wiedersehen, und so musste ich das vorher mit ihm abgestimmte Programm mit dem Team im MPL ohne ihn durchführen. Tatsächlich funktionierte alles so gut, dass ich mich nach vier Wochen hochintensiver Reha (oder „BootCamp”, wie Prof. Rieckmann es auch zu nennen pflegte) mit einer 30 %igen Mobilitätsverbesserung verabschieden konnte. Aber nun zum neuen Leiter des MPL, dem Nachfolger von Prof. Rieckmann, den ich zu seinen Ideen befragen kann.
Seit 2024 ist der erfahrene Neurologe Prof. Peter Young Ärztlicher Direktor für Neurologie im Cluster Bad Feilnbach/Loipl. Ihm stelle ich im Rahmen unserer Serie „Therapie Nachgefragt“ Fragen zur Entwicklung der Neuroplastizität, zu innovativen Therapieansätzen mit KI, zu Fatigue-Management und Schlafmedizin sowie zur Ernährung.
Das Interview
Entwicklung der Neuroplastizität und innovative Therapieansätze
Tom Foell (TF): Sie haben den Medical Park Loipl in 2024 übernommen. Prof. Rieckmann hatte das Konzept der klinischen Neuroplastizität als eine Innovation in der deutschen Rehabilitation am MPL aufgebaut und installiert. Das erste klinische Zentrum für Neuroplastizität in Loipl hatte damit einen sehr erfolgreichen Start und ist nach sieben Jahren inzwischen gut etabliert. Möchten Sie jetzt etwas Wesentliches im MPL ändern?
Prof. Peter Young (PY): Ich bin ein gut ausgebildeter Neurologe, aber kein MS-Spezialist. Nichtsdestotrotz möchten wir unseren Fokus auf die Multiple Sklerose gerne erhalten und darstellen, wie wichtig gerade das Team der Physiotherapeut*innen, Logopäd*innen, Ergotherapeut*innen und Sporttherapeut*innen für den Erfolg unseres Therapieansatzes ist.
Die Neuroplastizität – also alles, was wir in der Rehabilitation hier machen – fördert die neurologische Anpassungsfähigkeit. Das ist ein grundlegender Punkt, besonders bei chronischen ZNS-Erkrankungen.
Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist die Integration neuer technischer Assistenzverfahren in die Rehabilitation. Wir werden etwa die Aspekte der Robotics, also der assistenzgestützten Rehabilitation, stärker einbinden müssen. Robotics-assistierte Therapieverfahren werden definitiv eine wichtige Rolle spielen, z. B. bei der Hand- und Armrehabilitation. Mit Systemen wie Amadeo können wir dreidimensionale Rehabilitation durchführen – Handgreifen, Fühlen und weitere komplexe Bewegungen. So ermöglichen wir präzise dosierte Bewegungsabläufe, hohe Wiederholungszahlen, objektive Messbarkeit der Fortschritte sowie eine individualisierte Therapieanpassung. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen zunehmend, dass diese systematische, technologiegestützte Herangehensweise besonders effektiv für die neurologische Rehabilitation ist.
Digitalisierung und KI in der Rehabilitation
PY: Durch die Digitalisierung – ich möchte nicht sofort mit dem Stichwort KI ankommen, aber auch das wird eine Rolle spielen – bin ich sicher, dass in fünf Jahren die Reha-Welt an gewissen Punkten eine andere sein wird. Die Entwicklung digitaler Monitoring- und Feedbacksysteme erlaubt uns, Therapiefortschritte genauer zu dokumentieren und die Behandlung individueller anzupassen. Wichtig ist dabei: Wir können genau setzen, wie viel Kraft und Bewegung der/die Patient*in aufbringen muss, können dies über die Zeit dokumentieren und die Therapie entsprechend persönlich anpassen. Tatsächlich glauben wir, dass die computergestützten Möglichkeiten und die KI das Gesundheitswesen grundlegend verändern werden.
TF: In meinem Berufsalltag ist KI bereits Standard. Deswegen freut es mich, dass Sie das auch so sehen. Wie sehen Sie dabei in Zukunft den Faktor Mensch?
PY: Diese Entwicklung wird auch in der MS-Rehabilitation neue Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig ist uns wichtig zu betonen: Der Mensch, das therapeutische Team, bleibt der zentrale Faktor. Die Technologie wird uns unterstützen, aber nicht ersetzen.
Kostenträger und Innovation
TF: Wie gehen die Kostenträger mit diesen Innovationen um?
PY: Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Die Kostenträger, ob Krankenkassen oder Deutsche Rentenversicherung, sind oft zurückhaltend bei Innovationen. Selbst wenn wir nachweisen können, dass wir mit neuen Technologien möglicherweise effizienter arbeiten, sind die Investitionskosten zunächst ein Hindernis. Das bedeutet für uns als Unternehmen: Wir müssen oft in Vorleistung gehen und diese Entwicklungen selbst vorantreiben. Medical Park hat sich entschieden, diese Investitionen zu tätigen, weil wir überzeugt sind, dass sie langfristig den Patient*innen zugutekommen und auch wirtschaftlich sinnvoll sind.
Integration von Fatigue-Management und Schlafmedizin
PY: Etwas, das ich auch noch stärker im MPL einbringen möchte – wobei ich selbst hauptsächlich Chefarzt hier in Bad Feilnbach bin – ist der Bereich der Fatigue-Therapie. Wir haben in Loipl einen leitenden Oberarzt, Dr. Ingo Wittich, der die Umsetzung vor Ort betreut. Ich komme aus dem Bereich der neuromuskulären Erkrankungen und Schlafmedizin. Die Fatigue ist ein Aspekt, der mich schon lange beschäftigt, nicht nur bei MS, sondern auch bei anderen neurologischen Erkrankungen. Hier sehe ich noch viel Entwicklungspotenzial. Wir lernen auch aus den Erfahrungen mit Long Covid. Die Erkenntnisse aus diesem Bereich, besonders was das Pacing (Anm. d. Autors: Pacing bedeutet die Einhaltung der von der Erkrankung vorgegebenen individuellen Belastungsgrenzen) und den Umgang mit Erschöpfung angeht, lassen sich gut auf MS-Patient*innen übertragen. Das sind Aspekte, die wirklich relevant sind.
Wir planen zudem, im Frühsommer eine spezielle Gruppe zur Integration der Schlafmedizin zu etablieren. Hier wird es insbesondere um die Entwicklung von Eigenstrategien für besseren Schlaf, den Umgang mit Fatigue im Alltag, die Integration von Erkenntnissen aus der kognitiven Verhaltenstherapie sowie die Entwicklung von Strategien ohne Medikamente gehen. Guter Schlaf ist fundamental für die neurologische Rehabilitation, da die Konsolidierung des Gelernten hauptsächlich im Schlaf stattfindet.
Ambulant-stationäre Verzahnung
TF: Ein wichtiger Punkt ist aus meiner Sicht auch der Übergang von der stationären in die ambulante Behandlung. Ich habe schon bei meiner ersten Reha in 2018 erlebt, dass dies eine besondere Herausforderung darstellt. Die Empfehlungen aus der Reha werden in der ambulanten Therapie nicht immer aufgegriffen.
PY: Das ist in der Tat eine große Herausforderung, nicht nur bei MS, sondern in der gesamten Neurologie. Der Übergang von der stationären Reha in die ambulante Weiterversorgung ist oft problematisch. Medical Park will hier neue Konzepte entwickeln, um diese Lücke bald zu schließen.
Der Aspekt der Ernährung
TF: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Ernährung. Ich habe gesehen, dass theoretisch gut mit dem Thema entzündungshemmende Ernährung umgegangen wird, aber die praktische Umsetzung in der Klinik noch Optimierungspotenzial hat.
PY: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Wir sind hier an gewisse ökonomische Rahmenbedingungen gebunden, aber wir arbeiten kontinuierlich an Verbesserungen. Unsere Ernährungsberatung ist ein wichtiger Teil des Gesamtkonzepts, und wir wissen um die Bedeutung der richtigen Ernährung bei entzündlichen Erkrankungen. Die Herausforderung liegt oft in der Balance zwischen dem theoretisch Optimalen und dem praktisch Umsetzbaren. Wir versuchen hier, schrittweise Verbesserungen zu implementieren und gleichzeitig die Patient*innen für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt gut zu beraten.
Internationale Ausrichtung, Vernetzung und Ausblick
TF: Sie hatten erwähnt, dass Sie sich bezüglich neuer Entwicklungen und Therapieansätze auch international umschauen. Wenn ich in diesem Bereich auf interessante neue Entwicklungen oder Hilfsmittel stoße, darf ich mich dann an Sie wenden?
PY: Selbstverständlich. Wir sind sehr interessiert an neuen Entwicklungen und Erfahrungen. In jedem Fall sehen wir für die Zukunft folgende Prioritäten:
- Regelmäßige Rehabilitation (idealerweise einmal jährlich bei chronischen Erkrankungen wie der MS) ist wissenschaftlich sinnvoll und notwendig.
- Ein ganzheitlicher Ansatz mit einer Kombination aus klassischer Therapie und neuen Technologien, die Integration von Ernährung, Schlaf und psychosozialen Aspekten sowie die Stärkung der ambulant-stationären Zusammenarbeit.
- Weiterentwicklung des Standorts durch den Ausbau der technologischen Möglichkeiten, eine Stärkung des therapeutischen Teams sowie die Entwicklung neuer Therapiekonzepte.
TF: Das bestätigt meinen positiven Eindruck. Ich habe auf jeden Fall vor, nächstes Jahr wiederzukommen und bin schon gespannt, was sich bis dahin getan hat.
Fazit
Herzlichen Dank an Prof. Young für seine Zeit und seinen Input. Sein Plan zur innovativen Weiterentwicklung des von Prof. Rieckmann gestarteten Konzepts für klinische Neuroplastizität im MPL scheint für mich auf zwei zentralen Säulen zu stehen:
- einem starken, orchestrierten Team (Therapeut*innen, aber auch alle anderen – vom Empfang bis zu sonstigen Services);
- der fortlaufenden Beobachtung und Einbeziehung von passenden technologischen Innovationen in der Medizintechnik zur Verbesserung von Neuroplastizität.
Das finde ich sehr stimmig und wünsche ihm und dem gesamten Team im MPL dabei viel Erfolg. Der potenzielle Beitrag von Künstlicher Intelligenz bleibt auch hier abzuwarten, aber die jetzt schon bekannten großen Fortschritte in der Robotik und der automatisierten Medizintechnik geben Hoffnung, dass eine regelmäßige Reha bei MS im MPL nicht nur weiter zur Stabilisierung im Krankheitsverlauf beitragen, sondern – besonders für Patient*innen mit großer Motivation und Disziplin – auch deutliche Verbesserungen im Krankheitsbild bringen kann.
Ich habe im MPL u. a. drei besonders interessante Arten von Patient*innen kennengelernt:
- Frisch Diagnostizierte: Für diese Gruppe ist eine zügige Reha aus meiner Sicht besonders wichtig, damit sie schnellstmöglich eine umfassende, integrierte Therapie und deren Möglichkeiten kennenlernen und nicht nur auf die Pharmakeule abgestellt werden.
- Patient*innen im fortgeschrittenen Stadium mit deutlichen Mobilitätseinschränkungen, die noch keine gut integrierte Therapie im Alltag, basierend auf Sport, Ernährung & Erholung, praktizieren.
- Berufstätige Patient*innen, die in ihrem Job auf eine stabile Fitness und gute Mobilität angewiesen sind und somit eigentlich jährlich eine mindestens vierwöchige Reha genehmigt bekommen sollten.
Im MPL habe ich auch sehr fitte Patient*innen ohne große Einschränkungen kennengelernt, die dieses Konzept zur Prävention regelmäßig nutzen. Den präventiven Ansatz finde ich besonders schlau.
Ich denke, der von Prof. Rieckmann installierte – und hoffentlich von Prof. Young fortgesetzte – Bootcamp-Charakter zusammen mit dem Mantra „Use it or lose it“ kann in der Reha (im MPL, aber auch anderswo) einen guten Start für einen besseren Alltag für viele Menschen mit MS bringen.
Nachdem ich anfänglich noch grundsätzlich kritisch gegenüber dem Rehakonzept war, bin ich mittlerweile sehr überzeugt, dass es ein fundamentaler Baustein für eine erfolgreiche MS-Therapie darstellt – ob stationär oder ambulant. Ich erwarte in den nächsten Jahren noch deutliche Fortschritte und bin sehr gespannt und dankbar für diese Entwicklung. Nichts ist perfekt, und so hoffe ich aus meiner Sicht vor allem, dass das schon gute Ernährungskonzept noch mehr den therapeutisch vermittelten Idealen angepasst wird – trotz Budgetrestriktionen.
Im nächsten Artikel beschreibe ich meine persönlichen Reha-Erfahrungen im MPL und freue mich aber auch jetzt schon auf eure Rückmeldungen.